Foto: Matthias Kaden

Foto: Deutsche Fotothek

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Leben im erzgebirgischen Bergmannshaus

Ein typisches Wohnhaus einer Bergmannsfamilie kann man im Seiffener Freilichtmuseum gleich zu Beginn des Rundganges erkunden. Es ist ein kleiner, schlichter Fachwerkbau, mit steilem schindelgedecktem Dach, wie er vielerorts im Erzgebirge zu finden war, in Seiffen speziell rund um die beiden Bingen herum, entlang der heutigen Hauptstraße, aber auch verstreut in den übrigen Fluren. 

Die nebenstehenden Fotos, die im Bereich der Binge und der einstigen Hausnummern  97-103 aufgenommen wurden, zeigen zum Teil noch die typischen Merkmale eines erzgebirgischen Bergmannshauses, die der Seiffener Heimatforscher Johannes Eichhorn folgendermaßen beschrieb: 

„Es hat nur ein Stockwerk, steiles Dach gleich über dem Erdgeschoss beginnend, schmaler, schlitzartiger Dachausbau, in Spitzen zulaufend (Hecht genannt) und holzverschalter bzw. verschindelter Giebel. Die Maßverhältnisse verkörpern das Propotionsgefühl und die heimatverbundene Gestaltungskraft des Seiffener Bergmannes vergangener Jahrhunderte. Alle Maße sind wohlabgewogen und schön, sodaß ein solches Haus natürlich gewachsen zu sein scheint. Die Länge der vorderen Hauswand entspricht etwa dem 3 1/2-Fachen ihrer Höhe. Die Tiefe beträgt etwa 2/3 der Länge. Die Giebelwand hat eine behäbige Breite und erweckt den Eindruck des Ruhens auf dem Boden. Das Haus scheint fest in der Erde verwurzelt zu sein. Dieser Eindruck wird bei Häusern am Talhange durch das nach hinten ansteigende Gelände noch verstärkt. … Der holzverschalte Giebel ruht auf einem breiten Unterbau. Das Dach hat einen Neigungswinkel von 55 °. Im Winter rutscht von ihm der Schnee gut ab. … Die Haustür sitzt in der Mitte der Vorderfront. Ein feststehendes Oberlicht sorgt für die Beleuchtung des Flurs. Die Fenster sind symetrisch angeordnet und flächenmäßig gut in die Hauswand eingegliedert. Sie haben ein gutes Maßverhältnis und sind etwas höher als breit. Im holzverschalten Giebel sitzen zwei kleine Fenster. …Am anderen Giebel ist meist der Abort, frei über der Düngerstätte hängend, starhausig angebaut. Die Kammerfenster im Hechtausbau passen sich an diesen an. … Alles war unter einem Dache untergebracht. …Wenn der Wassertrog mit fließendem Wasser nicht im Freien vor dem Hause stand, war hinten ein Wasserhaus angebaut. (Die Wasserversorgung spielte vor allem in Höhenlagen immer eine große Rolle. In den alten Kaufbüchern ist deshalb genau festgelegt, woher und wie stark das Wasser unbeschadet zu „röhren“ sei.“

Richard von Schlieben (1848-1908), sächsischer Kultusminister und Amthauptmann, schrieb im Jahre 1885: 

„Die meisten Wohnhäuser sind nicht massiv, sondern aus Holzbohlen, Brettern und Fachwerk errichtet, und noch vielfach mit Stroh gedeckt.“

Diese Bauweise war geprägt von dem herrschenden Holzmangel sowie der Armut der Seiffener Bergleute und ihrer Nachfahren. 1764 hatte das Land Sachsen seine Untertanen zur vermehrten Anwendung der Lehmbauweise per Erlass aufgefordert. Die Holzbalken, aus denen das Fachwerk unseres Bergmannshauses errichtet wurde, sind im Querschnitt etwa 15×15 cm stark. Die Zwischenräume zwischen dem Fachwerk hat man mit geflochtenen Weidenruten, Stroh und Lehm gefüllt. Die Türschwelle liegt, wie auch die übrigen waagerecht liegenden Grundbalken, zu ebener Erde. Unter diesen findet sich eine dünne Schicht Schotter, oftmals auch gleich das Erdreich. Das hatte zur Folge, dass die Häuser auch von Unten her schlecht gegen Kälte und Feuchte gedämmt waren. Nässe konnte in den Wänden ungehindert aufsteigen. Holzbohlen und Dielen faulten. Die Fußböden waren kalt. Dafür wurde „Die Wohnstube wird im Winter mit Stroh, Laub oder Waldstreu zum Schutz gegen die Kälte versetzt.“, schrieb Richard von Schlieben weiter. Ob das half? Die Hauswände gaben nach einiger Zeit nach, da sie ohne Fundament dastanden. Besonders bedenklich war da eine Hanglage auf rutschigem Untergrund. Platzregen in Seiffen, zu Anfang der 2000er Jahre, führten uns vor Augen, welch ungeheure Wassermassen von südlichen und nördlichen Hängen in das „Seifenbach“ -Tal laufen können. Berichte gibt es vergangenen Jahrhunderten, wo ganze Mühlen, die direkt am Bach standen, hinweg gerissen wurden. 

Im Gebirge standen die Häuser an den Steilhängen zudem zeilenartig übereinander. Das erschwerte die Beseitigung von Abfällen und Abwässern, ohne dass die Menschen in der unteren Zeile darunter zu leiden hatten.

Das Bergmannshaus betritt man durch eine schmale Holztür und kommt in den Hausflur, der mit flachen Steinplatten ausgelegt ist. Alle Häuser der Gegend hatten den gleichen Grundriss: Linker Hand liegt die Wohnküche, der einzige beheizte Raum. Sie nimmt die gesamte linke Hälfte des Hauses ein. Gegenüber befand sich eine kleine Kammer, in der der Vater arbeitete. Und daneben gab es einen kleinen Stall. Im Obergeschoss schlief die Familie und es wurden das Heu u.a. Vorräte gelagert. War ein Haus einmal geräumiger, so dass es im Erdgeschoss zwei größere Räume enthielt, so wurde dieser zweite Raum vermietet.

In der etwa 9×4 Meter großen Küche wurde gearbeitet, gekocht, gegessen, Kranke gepflegt, Kinder erzogen … Es fand also fast das gesamte familiäre Zusammenleben statt. Das erforderte, dass  sich alle Familienmitglieder dem Tagesrhythmus des Hausherren anpassten. Dies war entweder der Familienvater oder der Vermieter des Hauses. An eisigen Frosttagen drängten sich die Familien dicht um diesen Ofen. Wegen der dünnen Außenwände und einfachen Fenster, wurde der Raum nur mäßig warm.

Am großen Kachelofen kochte die Hausfrau, sie erwärmte Wasser, backte Brot u.a.. Deshalb wurde der Ofen auch im Sommer jeden Tag angeheizt. Die Speisen waren einfach: Eintopf, Brei, Brot und Milchspeisen.  

Außer dem Kachelofen befinden sich nur wenige Möbelstücke im Raum: Die Ofenbank war sicher einmal der Lieblingsplatz der besonders wärmebedürftigen Großeltern gewesen. Unter dieser Bank dörrte das Feuerholz etwas nach, bevor es zum Einsatz kam. Über dem Ofen sind Stangen angebracht, auf denen die stets feuchte Arbeitskleidung der Bergknappen trocknete. 

Wurde schmutzige Wäsche der Familie gewaschen, so tat man dies in dem hölzernen Schuber, wie er im Museum beim Ofen steht. Ein solches Gefäß eignete sich auch für die Körperpflege. Im Schrank und auf Regalen wurden Vorräte und Geschirr aufbewahrt. Am Tisch, mit vier Stühlen, versammelte sich die Familie zum Essen und zur Erledigung ihrer Arbeiten. Das Flachsspinnen war in Bergmannsfamilien als Erwerbsquelle verbreitet. Jedoch war man dabei auf das Tageslicht angewiesen. Denn Kienspanleuchter oder Rüböllampe verströmten an Abendstunden nur wenig Licht. In der Wiege neben dem Tisch schlief das jüngste Kind. So hatte es die Familie stets im Blick.

Zehn oder mehr Menschen wohnten oft in diesen Häusern. Selbst wenn man bedenkt, saß sich die Bewohner hauptsächlich zum Schlafen in ihnen einfanden, so muss doch eine qualvolle Enge geherrscht haben. Zog in ein solches Haus eine ansteckende Krankheit ein, so war die Erkrankung der Einwohner wahrscheinlich. 

Küchen- und Essgeschirr war nur spärlich vorhanden und von einfacher Qualität. Das Küchengerät, Kessel und Pfannen, irdene Schüsseln, Becher und Töpfe wurden bei umherziehenden Händlern gekauft. Teller gab es in drei Formen: welche aus Holz, die der Vater selbst drechseln konnte, dann rohbemalter Steingutschüsseln, die alles fassten, und für den Sonntag einfache weiße Teller. Glas kam so gut wie gar nicht auf den Tisch. Bier wurde aus einem Napf, Wasser mit der Schöpfkelle aus dem Eimer getrunken, der in der Küche stets gefüllt stand. Mit einem Tischtuch, gewöhnlich dem einzigen, wurde der Tisch nur etwa an den Festtagen gedeckt. Alltags machte man sich wenig Umstände: z. B. leerte man den Topf mit Pellkartoffeln in die Mitte des Tisches und Jedermann griff  in den Haufen hinein.

Die Armut der Familien ließ keinen Sinn für viel Hausrat entstehen. War einmal doch mehr Geld vorhanden, wurde dieses in Nahrung, vielleicht in Kleidung investiert, aber kaum für Möbel oder Hausrat ausgegeben. Werkzeuge, die für die Tätigkeit im Bergbau gebraucht wurden, wie auch der zum Schärfen notwendige Schleifstein, sind in der Abstellkammer untergebracht. Wenn es die Zeit zuließ, fertigte der Vater hier einfache Dinge aus Holz: Esslöffel, Rühr- und Schöpflöffel sowie Mollen, auch kleine und große Spulen, die zur Herstellung des Leinens gebraucht wurden, Leuchter  oder Spielzeug für die Kleinen. Zu Zwecken der persönlichen Reinlichkeit hat die Familien gewöhnlich eine blecherne Waschschüssel. Handtücher und Bettzeug gab es nur wenig. Durch fortgesetztes Flicken wurde beides, wie auch die Kleidung der Familie, erhalten. 

Die  zwei Schlafkammern der Familie befanden sich im Dachgeschoss. Dort lag man dichtgedrängt in Federbetten unter einem ungedämmten Schindeldach. Die Ausstaffierung des Bettes bildete zunächst Stroh, das über die Querbretter gebreitet wurde. Darauf lag ein Strohsack, welcher oft aus alten Säcken gefertigt war und welcher, wenn möglich, einmal oder mehrmals im Jahr eine frische Strohfüllung erhielt. Es folgte das Betttuch, welches für jedes Lager gewöhnlich nur in einem oder zwei Exemplaren vorhanden war. Der Kopf ruhte auf einem mit Stroh gefüllten Keil aus Zwillich oder Sackleinwand, auf welchem sich noch mit Gansfedern gefüllte Kissen befanden. Oftmals fehlten diese Kissen und man lag auf dem Keil. Als Zudecke diente ein ziemlich schweres, mit Gänse- und Hühnerfedern gefülltes Deckbett. Das war, wie die Kopfkissen, mit leinenen, später baumwollenen Überzügen versehen.

Ebenfalls unter dem Dach bewahrte die Bergmannsfamilie ihre wenigen Wäschestücke sowie Gerätschaften auf. Die Erträge aus der gemeinsam betriebenen kleinen Landwirtschaft lagerten ebenfalls dort, wie auch gesammelte Kräuter, Pilze und Früchte. Nur der Zugang zum Freischwinger-Abort wurde frei gehalten. 

Einen Keller gibt es im Freilichtmuseums nicht. Am Originalstandort gab es eine Scheune, wo weitere Vorräte gelagert werden konnten. Andere Gebirgsbewohner halfen sich, indem sie nahe am Haus oder in den Hausfußboden ein Loch in den Fels schlugen.

In der winzigen, 2×2,10 Meter große Stallung wurde gewöhnlich eine Ziege („Bergmannskuh“) gehalten. Ziegenmilch und Ziegenfleisch besserten die einfache Küche der Familie auf. 

Zum Anwesen gehörte auch ein Holz- und Wäscheplatz. Der Wassertrog vor dem Haus wurde mit dem Nachbarn gemeinsam genutzt. (ctb)