Rastelbinder

Slowakische Drahtbinder und Mausefallenhändler

Mit dem erzgebirgischen Wort „Rastel“ für „kleiner Rest“ hat der Begriff Rastelbinder nichts zu tun. Obwohl die Erklärung nahe läge, denn diese umherziehenden Handwerker verstanden es, zerbrochene Krüge zusammenzuflicken. So wird sich manche Hausfrau über sein Kommen gefreut haben.

Die Bezeichnung „Rastel“ stammt aus der ehemaligen Donaumonarchie, wo sie für ein Drahtgeflecht steht. Rastelbinder sind also Drahtbinder. Die Drahtbinderei soll bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Westslowakei entstanden sein. Die in der gebirgigen Landschaft ansässigen Bauern lebten damals unter der Knechtschaft ungarischer Feudalherren, die sie vor den Türken schützten. Aber die Böden warfen nur geringe Erträge ab. Die Ernte reichte kaum aus, um die geforderten Abgaben zu zahlen, geschweige denn, eine Familie zu ernähren. So erfanden findige Burschen aus der Not ein Handwerk, das Menschen allerorts nützlich sein konnte.

Vor 500 Jahren war fast alles Gerät und Geschirr armer Leute aus Holz. Gegenstände aus Steingut oder Keramik waren wertvoll und wurden wie ein Schatz gehütet. Wenn doch einmal ein Gefäß zerbrach, konnte es ein Rastelbinder reparieren. Einen zerbrochenen Krug klebte er mit einer Mischung aus Wasser und Mehl zusammen und umflochten ihn anschließend mit einem fest gespannten Drahtgeflecht, so dass er wieder ganz war und keinen Tropfen Wasser verlor. Er konnte Bruchstücke eines Gefäßes durchbohren und sie, als wären sie aus Stoff oder Leder, miteinander vernähen. Mit Draht umspann er schließlich das ganze Gefäß, um ihm mehr Stabilität zu geben und es vor neuen Schlägen zu schützen.

Doch der Rastelbinder konnte noch mehr: Nur aus Draht fertigte er Küchengeräte wie Topfuntersetzer, Kuchengitter, Schöpfkellen und Schneebesen, Hacken, Körbe und vieles mehr. Vor den staunenden Augen der Kinder baute er Spielzeuge und für die Erwachsenen Vogelkäfige und Schmuckkästchen. Sein größtes Geschäft jedoch machte er mit Mausefallen. Je nach Kundenwunsch schuf er die klassischen Schnappfallen, aber auch Lebendfallen in vielen verschiedenen und raffinierten Ausführungen.

Mit Blech und Nieten konnte er löchrige Töpfe flicken oder auch den ganzen Boden auswechseln, wenn dieser von vielen Stunden auf dem Ofen durchgescheuert war. 

So verdienten die slowakischen Bauernburschen, mit einfachsten Mitteln, nur einem bisschen Draht, einer Zange, vielleicht einem Hammer und ein paar Nieten, auf der Wanderschaft Geld dazu. Wenn die schwere Arbeit auf dem Feld erledigt war, die Saat ausgebracht oder die Ernte eingefahren, kamen die Frauen eine Weile alleine zurecht. Zuerst zog es die Drahtbinder nur in die benachbarten Dörfer. Doch in kurzer Zeit gab es viele hundert von ihnen, so dass sie immer weiter reisen mussten, um ausreichend Arbeit zu finden. Dabei zogen sie auch durch das Erzgebirge und weiter nach Norden. Andere Handwerker gründeten Zuhause kleine Werkstätten, in denen sie ihre Waren herstellten und von Hausierern vertreiben ließen. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Produkte aus Draht so beliebt, dass Manufakturen und Fabriken z.B. in Sankt Petersburg, Budapest, Berlin, Wien und Amerika für den immer größer werdenden Markt produzierten.

Einzelne wandernde Handwerker gab es immer weniger, bis mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs das Handwerk in seiner ursprünglichen Form langsam in Vergessenheit geriet. Parallel zum Handwerk der Drahtbinder entwickelte sich jedoch auch eine Kunstform, die in der Slowakei heute noch sehr geschätzt wird. So werden zum Beispiel Ostereier mit einem filigranen Netz aus Draht umhäkelt. Einst galt ein solches ausgeblasenes Ei als Meisterstück der Lehrlinge. Heute ist es Symbol für eine erwachende Identität der Slowaken, die sich in der fast vergessenen Geschichte der Drahtbinder neu verankern wollen.(ctb)