Woher kommt die schöne weiße Leinwand?

Im Folgenden soll ein Blick in die Geschichte des Flachsanbaues und der Leineweberei im mittleren Erzgebirge geworfen werden. Den Ablauf von der Aussaat und Ernte des Flachses, über das Spinnen bis zur Weberei stellte  Wilhelm Walther (1826 bis 1913), Schöpfer des Dresdener Fürstenzuges, mit dem Zyklus „Woher kommt die schöne weisse Leinwand? in Schrift und Bildern beantwortet.“ mit 22, bisher unveröffentlichten Bleistiftzeichnungen dar. Dieser Zyklus, von dem hier 14 Bilder vorgestellt werden sollen, kam durch Erbschaft an dem für Seiffen und das Erzgebirge sehr bedeutenden Heimatforscher Johannes Eichhorn (1904 bis 1993). Seine Töchter, Rotraut Albrecht (Stuttgart), Helga Kienel (Steinach) und Mechthild Ternies (Berlin), stellten sie dankenswerterweise zur Verfügung.

Relativ flachgründige Verwitterungsböden, auf denen andere Marktfrüchte nur unzureichend gedeihen, können dem Flachs bei entsprechend günstiger Niederschlagsverteilung gute Wachstumsbedingungen bieten. In Sachsen waren diese Voraussetzung war vor allem im östlichen und mittleren Erzgebirge, in der Oberlausitz und im Vogtland gegeben. Als Flachs oder Leinen werden die Pflanzen und daraus hergestellten Fasern bezeichnet. Die Gewebe nennt man Leinwand, Leintuch oder Linnen. Der Flachsanbau, das Spinnen und die Leineweberei haben hier eine sehr lange Tradition. Jedoch wurden diese Gewerke in der Literatur zum mittleren Erzgebirge in den letzten 90 Jahren kaum behandelt.  Für Seiffen stellen die Leineweber insofern auch etwas Besonderes dar, da viele von ihnen nach dem Niedergang dieses Gewerbes Spielwarenmacher wurden.

Vom Samenkorn zum Globen

Aussäen
Nachdem das Feld durch Pflügen und Eggen aufgelockert war, begann ab dem 100. Tag des Jahres, also um den 9. April, die Aussaat. Der Bauer trug dazu ein Tuch um Hals und Rücken, in dem sich die Samenkörner befanden. Mit der Hand verstreute er sie über das Feld.

Jäten
Bereits bei einer Höhe der Pflanzen von 5 cm begannen Kinder und Frauen vorsichtig zu jäten. Dies geschah gegen den Wind, damit sich die Pflanzen schnell wieder aufrichteten. Eine sehr mühsame und schmerzhafte Arbeit, wie an der sich dehnenden Frau erkennbar ist.

Raufen 
Nach wiederum 100 Tagen, um den 20. Juli, begann die Ernte. Dabei riss (raufte, rupfte) man die Pflanzen bündelweise mit den Händen vorsichtig aus der Erde. Sie wurden kreuzweise auf den Boden gelegt, mehrmals gewendet und danach an ein Gestell aus Holzstangen angelehnt, damit sie so möglichst schnell trockneten und die Samen nachreiften.

Einfahren
Anschließend fuhr man den Flachs auf einem großen Erntewagen zum Hof.

 Vom Flachs zur Faser

Riffeln
Zum Kämmen der Stängel befand sich auf einem Querbalken in der Scheune ein großer Riffelkamm, der aus mehreren großen, spitzen Stiften bestand. Durch einschlagen und durchziehen der Bündel (kämmen oder riffeln) lösten sich die Samenkapseln und die Wurzeln von den Stängeln. Die Kapseln wurden gedroschen und im kommenden Jahr als Samen verwendet oder gingen an die Ölmühle, die daraus Leinöl presste.

Taurösten
Im Folgenden wurden die Stängel nochmals in dünnen Bündelchen auf einer Wiese zum Taurösten ausgebreitet. Durch den nächtlichen Tau und die Sonneneinstrahlung am Tag setzt die Verrottung der Flachsstängel ein, die bis zu einem gewissen Grad erwünscht war. Denn dabei werden das Mark im Stängel und der Pflanzenleim, der die Fasern und die Rinde zusammenhält, zersetzt. Dadurch lösen sich die Flachsfasern bei der weiteren Verarbeitung leicht von den harten Bestandteilen der Pflanze ab. Nach der zwei- bis fünfwöchigen Dörre wurden die Fasern gewaschen und getrocknet.

Dörren
Nun begann das Trocknen und Dörren der Pflanzen in einem Dörr- oder Brechhäusel. In dieses kleine Häuschen kamen die Stängel und es wurde beheizte, damit der Flachs endgültig dörrte. Dabei bestand natürlich eine große Feuergefahr. Deshalb standen die Brechhäusel stets etwas abseits des Hofes. Die nun vollständig getrockneten Stängel brachen die Frauen mit dem Flachsbrecher.

Brechen
Auf einem Holzgestell befand sich ein Brett mit einer Nut. Darüber wurde ein Flachsbündel gelegt, mit einem zweiten Brett, an dem sich ein Griff befand und einseitig gelagert war, brachen die Frauen die Stängel meist siebenmal. Dabei wurde der hölzerne Kern zerstört und fiel zu Boden. Übrig blieben die wertvollen Fasern. Jedoch eignete sich der entstandene, so genannte Flachsbast, noch nicht zum Spinnen. Dazu war nun noch das Hecheln notwendig.

Hecheln
Die Hechel bestand aus einem mit feinem, Draht besetztem Holz, der sich auf einem Holz befand. Der Flachsbast wurde durch diesen Kamm gezogen und so nochmals aufgespalten. So trennte man die Kurzfasern, das so genannte Werg, mit dem der Klempner die Wasserleitung abdichten kann, von den wertvollen Langfasern. Von ihnen wurden eine Hand voll genommen, zu einem Zopf gelegt und die Enden miteinander zur sogenannten Riste verschlungen. Mehrere Risten wurden gebündelt und ergaben einen Globen, die der Bauer entweder verkaufte oder die Bäuerin über den Winter zu Garn weiterverarbeitete. Manche Bauern hatten auch einen eigenen Webstuhl und fertigten das begehrte Leinen selbst.

Vom Faden zum Leinen

Beim Spinnen verdrillte man die Fasern zu einem Faden. Dies geschieht entweder mittels einer Spindel oder eines Spinnrades. Die Variante mit einer Spindel zu spinnen, ist die ältere, dennoch wurde es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrieben, da man bei dieser Variante ortsunabhängig war und etwa auch beim Hüten der Ziegen spinnen konnte. Die andere und effektivere Variante stellt das Spinnrad dar.
 
Vorbereiten der Fasern zum Spinnen
Bei beiden werden die Flachsfasern auf den stabförmigen Rocken gesteckt. Doch zuvor müssen die Fasern vorbereitet werden. Um dabei Wirrwahr zu vermeiden, ist es praktisch, wenn die Spinnerin einen Rock oder eine lange Schürze trägt oder sich ein Tuch über die Beine legt. Als Erstes entnimmt die Spinnerin zunächst einen der, bis zum Winter gelagerten, Globen mehrere Zöpfe. Sie dreht diese auf und bindet die Faserenden an einer Seite gut zusammen und befestigt dann das zusammengebundene Ende, mittels einer langen Schnur, an ihrer Taille. Dieses Faserbündel nimmt sie sich sitzend auf den Schoß und legt es auf das linke Knie. Mit Daumen und Zeigefinger greift sich aus dem Bündel einen Strang auf und legt diesen auf dem rechten Knie ab. Den nächsten Strang legt sie links daneben, den darauffolgenden wieder ein Stück weiter links. Damit fährt sie fort, bis sie einen Fächer ausgelegt hat. Dann arbeitet sie von links nach rechts und legt dabei einen zweiten Fächer über den ersten. Wenn das gesamte Bündel verteilt ist, nimmt die Spinnerin den Spinnrocken, einen einfachen geriffelten Stab aus Holz, zur Hand und legt ihn an der rechten Kante des Fächers, mit der Spitze zu ihrem Körper auf. Bevor das Eindrehen beginnt, durchtrennt die Spinnerin die Schnur, die bis dahin die Fasern zusammenhielt. Nun wird der ganze Fächer auf den Rocken gewickelt, das obere Ende fester als der untere Teil. Ist das geschehen, bindet sie um die Spitze des Stabes ein Band, führt dieses mehrmals kreuzend um die aufgewickelten Fasern herum nach unten und bindet das Band zusammen.

Handspindel
Beim Spinnen mit der Spindel hielt man den Rocken in einer Hand, mit der anderen Hand versetzte man versetzte man die Spindel, die aus einem gedrechseltem Holzstab und einem aus Glas oder Ton bestehendem Spinnwirtel, das die Schwungmasse darstellte, die die Spindel länger in Drehung hielt. Zunächst nimmt die Spinnerin ein Stückchen bereits gesponnenen Garns von ihrer Spindel zwischen Daumen und Zeigefinger und verdreht dieses mit den aufgebundenen Fasern (Docke). Während die linke Hand die Rocke hält und zugleich, mit zwei Fingern, die geschaffene Verbindung greift, dreht sie die Spindel mit der anderen Hand und erzeugt dadurch im Faden eine Spannung. Diese Spannung darf sich nicht in die Fasern auf der Docke übertragen, weil sie sich dann nicht mehr herausziehen lassen, sondern nur ein festgedrehter Klumpen entsteht. Deshalb ist eine genaue Reihenfolge der Handgriffe einzuhalten. Erst wenn der Faden durch die Drehung der Spindel genug Spannung hat, man nennt es „Drall“, werden der Griff der linken Finger gelockert und gleichzeitig Fasern aus der Docke gezogen. Der Drall des Fadens an der Spindel überträgt sich jetzt auf die herausgezogenen Fasern. Dadurch werden sie so fest verdrillt, dass sie nicht mehr reißen.
Lässt die Spannung nach, schließt die Spinnerin den Griff auf der linken Seite und versetzt dann der Spindel einen neuen Stoß. Hat der gesponnene Faden eine unhandliche Länge erreicht, wickelt ihn die Spinnerin auf ihre Spindel auf.

Spinnrad
Einfacher und vor allem kontinuierlich entstand der Faden mit dem Spinnrad, dass mit dem Fuß angetrieben wurde. Dadurch dreht sich die Spindel, die den vor der Einzugsöffnung verdrillten Faden aufnimmt. Die Docke wurde auf das Spinnrad aufgesetzt und die Spinnerin hat beide Hände für das Herausziehen der Fasern frei. War die Spindel voll, wurde der Faden auf eine Weife, auch Haspel genannt, aufgewickelt, um sein Verknoten oder Verfitzen zu verhindern.

Haspel 
Der so nun geordnete Faden wurde mittels einer anderen Haspel auf eine Spule gewickelt. Gesponnen wurde meist von der Woche vor dem 1. Advent bis Fastnacht.

Weben
Danach baute man den Webstuhl auf. Auf dem Kettbaum des Webstuhls sind die Kettfäden aufgewickelt, die mit dem Zeugbaum, auf dem das Gewebe aufgerollt wurde, verbunden sind. Um die breite eines Handtuches zu weben, mussten 600 Fäden eingelegt werden. Das Schiffchen mit der Spule wurde nun durch die mittels Litzen abwechselnd gehobenen bzw. gesenkten Kettfäden geschossen. Mit dem Weberkamm verdichtet der Weber das Gewebe.

Bleichen
Die fertigen Leinen wurden besäumt und auf einer Wiese ausgelegt und mehrfach gegossen. Durch chemische Prozesse, die die Sonnenstrahlung in den Pflanzen auslöst, blichen die Stücke, die man dann zusammenlegte und verkaufte. Die Flachspflanze wurde ohne jeglichen Rest verwertet. (A.K.)