Fatzer – Musikanten aus dem Erzgebirge

Nach dem Niedergang des Bergbaus hatten es viele Erzgebirger es schwer, eine neue Arbeit zu finden. Die Spitzenklöppelei schaffte hier einen gewissen Ausgleich, der aber großen Schwankungen unterlag. So waren die Menschen bestrebt, weitere Einnahmequellen zu erschließen.

Da die Erzgebirger musikalisch waren und die verschiedensten Instrumente spielten, schlossen sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Musiker zusammen, um in der Fremde ihren Lebensunterhalt durch das Musizieren zu verdienen. Diese erzgebirgischen Musikanten nannte man „Fatzer“.

Die sich oft in der Fremde befindlichen Musiker hatten das Bedürfnis, miteinander zu reden, ohne dass von den dortigen Leuten ihre Absichten, Sorgen und Beschwerden verstanden werden sollten. Daher entwickelte sich die Fatzersprache, die keine eigene Sprache war, sondern sich nur anderer Wörter bediente. Fatzen bedeutet foppen, necken oder spotten. Manche Wörter stammen aus dem erzgebirgischen Dialektwortschatz, andere aus dem Mittelhochdeutschen und wieder andere sind aus fremden Wortstämmen entliehen.

Anfänglich spielten diese Fatzer-Kapellen in Deutschland und Ungarn auf Festen oder gaben Konzerte. Einige gingen auch als Straßenmusikanten. Aus dieser Reisetätigkeit entwickelte sich rasch ein ganzer Wirtschaftszweig als Einkommensquelle. Einige Chronisten benennen die einstige Bergstadt Preßnitz als den Ausgangspunkt dieses neuen Erwerbszweiges. In der Musikstadt Preßnitz hatte der von 1776 bis 1792 amtierenden Bürgermeister Ignaz Walter das Harfenspiel sehr protegiert. Ansässige Tischler baute die so genannte Hakenharfe, die auch als Böhmische Harfe bezeichnet wird.

Im 19. Jahrhundert waren vor allem Mädchen und Frauen mit ihren Harfen unterwegs. Viele begannen bereits im Alter von elf oder zwölf Jahren ihre Wanderungen, wobei sie ihre Harfe über dem Rücken trugen. Die „Preß-nitzer Harfenmädchen“ galten als herausragenden Preßnitzer Musikkapellen. Sie lassen sich auf dem Balkan, in Moskau und San Francisco nachweisen. Im Jahr 1813 spielte eine Kapelle vor Kaiser Franz II. von Österreich, Zar Alexander I. von Russland und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Die Kapellen regelten ihre Konzerte über Agenten und nach 1830 gab es zunehmend „organisierte“ Reisen durch ganz Europa, sogar Kairo, Indien, China, Japan und Nordamerika waren Spielorte. Preßnitzer Passprotokolle von 1834 besagen, dass aus den umliegenden Orten 16 Harfenmädchen auf Wanderung gingen. Für die Zeit um 1860 wird berichtet, dass jährlich allein in Preßnitz über 300 Reiseerlaubnisse erteilt wurden und auf jede Erlaubnis fünf bis sechs Personen kommen.

Auch aus der böhmischen Gemeinde Seifen/Ryžovna bei Gottesgab/Boží Dar verdienten viele Bewohner meist über die Wintermonate ihr Auskommen durch Musikreisen. Wann dies in Seifen begann, ist nicht bekannt. Überliefert ist jedoch, dass Kapellmeister Josef Lindner mit seinen beiden Söhnen und seinem Schwiegersohn, sowie weiteren Musikern 1840 in Astrachan an der Wolga gastierten, als dort die Cholera ausbrach. Der Kapellmeister und seine beiden Söhne starben daran. Vermutet wird, dass diese Region durch gute Beziehungen zu den dort lebenden Wolgadeutschen für die Musiker ein lohnendes Ziel war. Die musikalische Ausbildung erfolgte meist durch den oftmals kostenlosen Unterricht bei geübten Musikern. Aber auch der Seifner Kantor Schubert erwarb sich um die musikalische Ausbildung der Kinder und Jugendlichen in den Jahren von 1850 bis 1883 große Verdienste, indem er Musikunterricht zu erschwinglichen Preisen erteilte. Um 1890 hatte der Ort Seifen 550 Einwohner, wovon über 100 Personen in der Lage waren, ein oder mehrere Instrumente gut zu spielen.

Kurz vor dem 1. Weltkrieg gingen noch etwa 10 Kapellen mit jeweils 6 bis 10 Musikern auf die Reise. Dabei hatte jede Kapelle ihr spezielles Gebiet, um sich nicht gegenseitig geschäftlich zu stören. Die Kapelle Kosmas Kreißl ging nach Russland, die Kapelle Brüder Hahn nach Ober- und Niederschlesien, die Kapelle Brüder Schnepp und Faßmann reisten hauptsächlich nach Westpreußen, Josef Schmiedel kam mit seiner Kapelle nach Brandenburg und die Kapelle Josef Kraus konzertierte in Pommern und auf Rügen.

Fast jede Kapelle führte ein Tagebuch, die „Marsch Route“ genannt, in dem sie alle Städte und Orte aufschrieben, durch die sie kamen, wo sie musizierten und den dafür erhaltenen Lohn. Das Fahrtenbuch der Musikkapelle Porkert, die im Königreich Preußen gastierte, ist erhalten geblieben. Daraus geht für die Wintertour der Jahre 1850/51 hervor, dass sie am 24. September 1850 in Seifen zu ihrer Reise aufbrachen und ihr Weg sie bis Ostpreußen führte. Die Einnahmen pro Konzert beliefen sich auf den Dörfern zwischen weniger als einem Thaler und fünf Thalern. Bei großen Bällen und in Städten betrugen sie zwischen zehn und fünfzehn Thaler. Als sie am 11. Mai wieder in Seifen, ihrem Heimatort eintrafen, hatten sie 540,43 Thaler verdient. Die Auslagen wurden jedoch nicht vermerkt.

Auf der Frankfurter Messe spielte nach 1900 die „Bergkapelle“, der gute Musiker aus mehreren Orten angehörte. Diese Kapelle wurde 1904 in Öl gemalt und das Bild hing damals längere Zeit im Frankfurter (Main) Rathaus.

Mit Beginn des 1. Weltkrieges wurden die Musikreisen eingestellt und viele Musiker mussten ihren Kriegsdienst leisten. Somit fand die Tradition der Fatzer-Kapellen zu dieser Zeit ihr Ende. Mehrere Seifner Musiker hatten eine Musikschule und einzelne sogar das Prager Konservatorium besucht. Sie fanden auch gute Arbeitsmöglichkeiten in der Ferne, ohne sich den Musikreisen anschließen zu müssen. Die drei Söhne des Schulleiters und Kantors Schubert spielten in der Stadtkapelle Essen. Albin Hahn war erster Konzertmeister bei der Karlsbader Kurkapelle, bevor er königlicher Hofkapellmeister in Bukarest wurde. Wilhelm Schnepp war Organist in Lobesitz, Eduard Lenhard kam zur Stadtkapelle nach Cillc in der Steiermark und Albin Geier, ein Neffe des Hofkapellmeisters Hahn, war längere Zeit Kapellmeister in Berlin und St. Petersburg. Auch zwei Absolventen des Prager Konservatoriums waren erfolgreich. Ernst Kraus wurde Chorleiter der jüdischen Kultusgemeinde in Prag und Jovita Richter Direktor der Musikschule in Preßnitz. (A.K.)